Geschichte / Jubiläum
Das Kikife im Rückspiegel Jubiläen neigen oftmals zu einem Schwelgen in nostalgischen Erinnerungen – und 20 Jahre Kikife bieten dazu wohl reichlich Anlass. So scheint die Vorstellung, dass Eltern – selbst als Kinder begeisterte Kikife-Besucher – heute mit ihren Kleinen das Festival besuchen, nicht allzu abwegig. Jubiläen mögen aber auch dazu dienen, Altes und Vertrautes einer Standortbestimmung zu unterziehen. Zu beidem möchte ich hier einige Gedanken und Erinnerungen beitragen.
Unter dem Motto "Kinokultur für Kabelkinder" startete bereits 1989 die Pädagogische Hochschule das Projekt Kinderkino. Studierende des Studienganges Medienpädagogik entwarfen ein Programm und begleiteten den Filmbesuch mit vielerlei Aktionen – damals wie heute mit dem Ziel, Kinder in ihrem Umgang mit Medien als eigenständige Persönlichkeiten ernst zu nehmen, aber auch ihren Verständnishorizont zu erweitern: kurz: Film erleben, verstehen und sich in der Gemeinschaft austauschen. Ganz im Gegensatz zum damals noch die Medienlandschaft uneingeschränkt dominierenden Fernsehen, das in seinem immensen Angebot zur Beliebigkeit in der Auswahl, Oberflächlichkeit der Wahrnehmung und Vereinsamung im Konsum führt. Die Filmauswahl bestimmte das Angebot der Landesbildstelle, die Vorführung war begleitet durch das schnarrende Geräusch des 16mm-Projektors im Hörsaal der Hochschule. Der Campus bot weitläufiges Ambiente für Aktionen und so überspannte das Gelände bald eine Reihe furchterregender Vogelscheuchen, verzierten das Mensagebäude große Pappmascheefiguren und schwebte in der Halle eine überdimensionale Marionette, unschwer als Charlie Chaplin zu identifizieren. Die Studierenden waren engagiert, die Kinder aus dem Einzugsgebiet der Hochschule begeistert, aber die Organisatoren auf Dauer unbefriedigt. Zu wenig echte Kinoatmosphäre konnte den Seminarräumen abgerungen werden. So entstand bald die Idee aus gelegentlichen Filmtagen ein Angebot mit Partnern zu entwickeln, das heute die Bezeichnung Kinderfilmfestival verdient. Kompetente Partner wurden rasch gefunden, einmal in der Person Walter Deininger (KKF / Turm-Theater), der heute auch nach vielen schwierigen Jahren noch immer von seiner Begeisterung für den Film getragen wird, und in der Institution der städtischen Kulturverwaltung, die sofort ihre zunächst mehr aufs Ideelle beschränkte Zusammenarbeit zusagte. Dass sich diese Zusammenarbeit mit der Stadt zu einer echten Teamleistung entwickelte ist im Wesentlichen der Person von Ralph Häcker, Leiter des Kulturbüros, zu verdanken, dessen Mitarbeit weit über das zu Erwartende hinausging. Am 21. Februar 1992 startete schließlich das erste Festival, damals noch unter dem Titel „Kinderkinotage“, im Kino Brazil mit einem Begleitprogramm in den Räumen des KKF. Die Besucherzahlen beliefen sich in den ersten Jahren bis zur magischen Grenze von 500, die dann aber in den neuen Sälen des Turm-Theaters erstmals 2002 nach einer zweijährigen Pause mit fast 1500 Gästen deutlich gesprengt wurde. Die weiteren Jahre waren durch stetige Wachstumsprozesse gekennzeichnet. Die Filmangebote wurden erweitert, die Beteiligung der Schulen – zunächst kaum erkennbar, eher verschämt unter der drohenden Frage „Darf man mit seinen Schülern überhaupt zur Arbeitszeit am Vormittag ins Kino?“ – erreichte Rekordmarken. Und die Zukunft? Längst hat sich die Medienlandschaft fundamental geändert und ihr Anteil als heimliche / unheimliche Miterzieher unserer Kinder mit neuen Qualitäten ausgestattet. Vom eher passiven Konsument pädagogisch mitunter zweifelhafter Angebote, die sich vor allem unter dem Stichwort Gewalt den Unwillen der Erzieher zuzogen, hat sich die Medienzuwendung unserer Zukunftsträger radikal verändert. Hin zu aktiven, die Inhalte selbst gestaltenden Usern, die in einem nie dagewesenen Umfang frei über die Hardware verfügen. Inhalte werden Freunden im sozialen Netzwerk von Facebook oder im Internet gleich der ganzen Welt angeboten. Kommunikation ist alles und die Inhalte werden durch die Banalität des Alltags meiner Digitalpartner geprägt. Geblieben aber ist nach wie vor die bange Frage der Erziehungsgeneration: „Quo vadis, Jugend?“, die im Allgemeinen mit bangem Kopfschütteln beantwortet wird.
Und der Kinderfilm? Gerade in einer Situation, in der sich die bevorzugten Medien durch die Banalität ihrer Inhalte auszeichnen, wo der Alltag dem fortwährenden Gesprächsanlass im Netzwerk einer im Innern zutiefst verunsicherten Jugend dient, setzt die Auseinandersetzung mit bemerkenswerten Filmangeboten neue Akzente. Filme regen zum Nachdenken über übergreifende Themen, aber auch über individuelle Entwicklungsformen an. Filme, die in ihrer Ausdrucksform herausragend gemacht sind, vermitteln Qualitätsansprüche besonders, wenn sie als gute Kinderfilme die kindliche Wunsch- und Gedankenwelt erreichen. So setzt der Kinderfilm Qualität gegenüber der Trivialität des alltäglichen Medien-Tsunamis.
Kurz: Der gute Kinderfilm ist mehr denn je gefragt. Bleiben Sie uns gewogen und teilen Sie mit mir die Sympathie für eine fröhliche, kinderfreundliche Veranstaltung, für die sich auch Erwachsene begeistern können.
Wolfgang Maier, Mitbegründer des Kikife, im Jahre 2012